Auch Frauen brauchen Testosteron — für Libido, Energie und Muskeln. Wann der Spiegel sinkt, wie man einen Mangel erkennt und was eine Therapie wirklich leistet.
Testosteron gilt als Männerhormon — dabei produziert auch der weibliche Körper es täglich, in den Eierstöcken und der Nebennierenrinde. Für Libido, Energie, Muskeln und Stimmung ist es bei Frauen wichtiger, als viele denken. Und sein Rückgang beginnt früher als die Wechseljahre: Schon zwischen 20 und 40 halbiert sich der Spiegel etwa. Dieser Artikel erklärt, was Testosteron bei Frauen leistet, wann ein Mangel relevant wird und was eine Therapie wirklich kann — und was nicht.
Das Wichtigste in Kürze:
Auch wenn Frauen viel weniger Testosteron haben als Männer, ist es fester Teil ihres Hormonsystems und wirkt an vielen Stellen mit. Es gehört zur Gruppe der Androgene und ist eng mit dem Wohlbefinden, dem Antrieb und der körperlichen Leistungsfähigkeit verbunden. Zudem ist es eine Vorstufe, aus der der Körper teils auch Östrogen bildet.
Anders als beim Östrogen gibt es beim Testosteron keinen abrupten Absturz in der Menopause, sondern einen langsamen, stetigen Rückgang über die Jahre. Untersuchungen zeigen, dass sich der Spiegel etwa zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr ungefähr halbiert (Zumoff et al., 1995). Bis zur Menopause ist also bereits ein großer Teil des altersbedingten Rückgangs passiert.
Deutlicher und plötzlicher fällt Testosteron nach einer operativen Entfernung beider Eierstöcke, weil dann eine wichtige Produktionsquelle auf einen Schlag wegfällt. Auch chronischer Stress, bestimmte Erkrankungen und manche Medikamente (etwa die Pille, die das frei verfügbare Testosteron senken kann) beeinflussen den Spiegel. Wie Testosteron ins größere hormonelle Zusammenspiel passt, liest du im Überblick Östrogen, Progesteron, Testosteron.
Testosteron lässt sich im Blut messen, doch die Referenzwerte für Frauen sind weniger klar standardisiert als für Männer, und die Spiegel sind ohnehin niedrig. Ein einzelner Laborwert ist deshalb schwer zu deuten — und allein selten aussagekräftig.
Wichtiger als die reine Zahl ist das klinische Bild: anhaltende Lustlosigkeit, Energieverlust und Antriebsschwäche, für die sich keine andere Ursache findet. Auch hier gilt, was für die Wechseljahre insgesamt zutrifft — Symptome zählen mehr als ein isolierter Wert. Mehr dazu im Artikel Hormonspiegel messen.
Die Studienlage ist klarer, als oft angenommen — aber auch enger begrenzt. Ein internationales Konsenspapier mehrerer Fachgesellschaften (Global Consensus Position Statement, 2019) hält fest: Die einzige gut belegte Indikation für eine Testosterontherapie bei Frauen ist eine ausgeprägte, belastende Lustlosigkeit nach der Menopause (hypoaktive Sexualstörung, HSDD).
Wichtig zur Einordnung: Für andere Ziele wie mehr Energie, besseren Schlaf, Muskelaufbau oder „Anti-Aging“ gibt es keine ausreichenden Belege. In Deutschland ist kein Testosteronpräparat für Frauen zugelassen — der Einsatz erfolgt off-label, in niedriger Dosierung und unter ärztlicher Kontrolle, oft mit für Männer zugelassenen Präparaten in stark reduzierter Menge.
Wird Testosteron eingesetzt, ist die richtige, niedrige Dosierung entscheidend. Regelmäßige Kontrollen stellen sicher, dass der Spiegel im weiblichen Bereich bleibt und keine unerwünschten Wirkungen auftreten. Eine solche Behandlung gehört in erfahrene gynäkologische oder endokrinologische Hände.
Weil es in Deutschland kein für Frauen zugelassenes Präparat gibt, wird meist ein für Männer zugelassenes Testosteron-Gel in stark reduzierter Menge verwendet — ein Bruchteil der Männerdosis. Vor Beginn werden in der Regel Ausgangswerte bestimmt und andere Ursachen der Beschwerden ausgeschlossen.
Nach Therapiebeginn folgen Kontrollen, um sicherzustellen, dass der Spiegel im normalen weiblichen Bereich bleibt und keine unerwünschten Wirkungen auftreten. Ein realistischer Zeitrahmen ist wichtig: Effekte auf die Libido zeigen sich, wenn überhaupt, über mehrere Monate, nicht über Nacht. Bleibt der erhoffte Nutzen aus, wird die Therapie wieder beendet.
Über Libido wird beim Thema Testosteron am meisten gesprochen — die Wirkung auf Knochen und Muskeln ist aber mindestens so wichtig für die zweite Lebenshälfte. Testosteron unterstützt gemeinsam mit Östrogen den Erhalt der Knochendichte und trägt zum Aufbau und Erhalt von Muskelmasse bei.
Mit dem Alter nimmt die Muskelmasse natürlicherweise ab (Sarkopenie), was Kraft, Stoffwechsel und Sturzrisiko beeinflusst. Auch wenn eine Testosterontherapie dafür nicht belegt ist, bleibt der Hebel, den du selbst in der Hand hast, derselbe: Krafttraining. Es wirkt direkt auf Muskeln und Knochen — unabhängig vom Hormonspiegel — und ist damit eine der wirksamsten Maßnahmen für die Gesundheit in und nach den Wechseljahren.
Ja. Frauen produzieren Testosteron in Eierstöcken und Nebennieren — in deutlich kleinerer Menge als Männer, aber mit spürbarer Wirkung auf Libido, Energie, Muskeln und Stimmung.
In der korrekt dosierten, niedrigen Anwendung wird ein normaler weiblicher Bereich angestrebt. Nebenwirkungen wie vermehrte Körperbehaarung oder eine tiefere Stimme treten vor allem bei Überdosierung auf — deshalb ist die ärztliche Kontrolle wichtig.
Dafür gibt es keine ausreichenden Belege. Gut gesichert ist nur die Wirkung auf eine belastende Lustlosigkeit nach der Menopause. Müdigkeit sollte zunächst anderweitig abgeklärt werden.
Es fehlt ein eigens für Frauen geprüftes und zugelassenes Präparat. Deshalb erfolgt der Einsatz off-label — also außerhalb der offiziellen Zulassung — unter ärztlicher Verantwortung.
Krafttraining, ausreichend Schlaf und Stressabbau wirken sich günstig auf Energie und Körpergefühl aus. Einen deutlichen, messbaren Anstieg des Testosteronspiegels bewirken sie aber nicht zuverlässig.
Kombinierte Pillen können das frei verfügbare Testosteron senken, weil sie ein bindendes Eiweiß (SHBG) erhöhen. Bei manchen Frauen äußert sich das in nachlassender Libido.
Der Rückgang beginnt früh und schleichend: Schon zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr halbiert sich der Spiegel etwa. Es gibt also keinen klaren Startpunkt wie bei den Wechseljahren, sondern eine kontinuierliche Abnahme über die Jahre.
Falls sie wirkt, zeigen sich Effekte auf die Libido meist über mehrere Monate hinweg, nicht sofort. Bleibt der erhoffte Nutzen nach etwa einem halben Jahr aus, wird die Therapie in der Regel wieder beendet.
Global Consensus Position Statement on the Use of Testosterone Therapy for Women (2019).
Zumoff B et al. (1995): Plasma-Testosteron im Altersverlauf bei Frauen.
Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause.
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